Das Dreirad als mobile Alternative

Der Schweiß floß in Strömen, der Puls raste, die Beine schwer wie Blei – ich quälte mich mit meinem Rennrad in Serpentinen den Berg hinauf! Damals. Heute wurde mein neues Rad geliefert: ein Dreirad! Welch ein Abstieg. Mit meiner Parkinson Erkrankung kann ich auf einem normalen Zweirad nicht mehr die Balance halten.

Foto: Christian A. Negele

 

Über den Wechsel aufs Dreirad hatte ich schon länger nachgedacht.  Aber ich habe mit der öffentlichen Zurschaustellung meiner gesundheitlichen Einschränkungen Probleme. Mit einem Dreirad falle ich auf und signalisiere eine Schwäche. Doch ganz mit dem Radfahren aufzuhören, wäre ein herber Verlust und würde mich in meiner Mobilität noch weiter einschränken.

Also gab ich mir einen Ruck und sprach mit unserem Fahrradhändler. Er empfahl mir die Firma Draisin,  ein deutscher Hersteller für Spezialräder aus Achern bei Offenburg. Das Unternehmen bietet verschiedenste Mobilitätsalternativen für Behinderte und Senioren. Ein weiterer namhafter Hersteller von solchen Spezialrädern ist die Fa. Van Raam aus den Niederlanden.

Aufgrund meiner starken Gleichgewichtsprobleme musste es für mich ein Rad mit Sesselsitz sein. Bei einem normalen Fahrradsattel ist die Kippgefahr einfach zu groß. Das eine Draisin Model mit Sesselsitz erwies sich bei der Probefahrt für meine Beinlänge als zu kurz, auch die Lenkung sagte mir nicht zu. Sie schien mir zu leicht und vermittelte mir nicht das Gefühl von Sicherheit und Stabilität. Das zweite Model namens SANTORIN erfüllte meine Anforderungen. Sitz- und Lenker können individuell eingestellt werden, so dass es von unterschiedlich großen Personen gefahren werden kann. Ich entschied mich für SANTORIN in der Variante mit E-Motor. Das heißt, vor der Kaufentscheidung musste ich erstmal die Probefahrt ein paar Wochen sacken lassen.

Die Probefahrt war ein mittelgroßes Desaster. Auf der kleinen Runde über den Händlerhof kam ich überhaupt nicht mit meinem zukünftigen Dreirad zurecht. Die anderen Kunden beobachteten skeptisch, wie ich ungelenk versuchte, es in den Griff zu bekommen. Der Verkäufer sprang neben mir her, griff mehrmals in den Lenker, um die parkenden Autos vor mir zu schützen. HILFE! Meine Lebensgefährtin Ulla hatte dagegen überhaupt keine Probleme mit dem Gefährt.

Dreirad oder kein Rad?

Wenn ich meine Mobilität erhalten will, habe ich nicht mehr viele Alternativen. Mein Handlungsspielraum mit Morbus Parkinson wird immer kleiner. Als ich hörte, dass auch Senioren ohne Parkinson mit dem Dreiradfahren anfangs Probleme haben, wagte ich einen zweiten Versuch. Es war von Eingewöhnungszeiten bis zu 3 Wochen die Rede. Die zweite Fahrt verlief ehrlich gesagt auch nicht viel besser, aber dieses Mal bestellte ich. Ulla war skeptisch, ich machte die kühne Vorhersage, in drei Tagen kann ich das! War natürlich nicht so.

Als es geliefert wird, kommt es mir größer vor, als ich es in Erinnerung hatte. Ungewohnt der Sitz, das Vorderrad scheint weit weg zu sein, irgendwie kommt mir das Rad komisch vor. Es ist mir etwas unwohl, als ich aufsteige. Wir Parkis haben ja Schwierigkeiten, etwas Neues zu lernen. Muskelsteifheit, fehlende Beweglichkeit, Gleichgewichtsprobleme, Koordinationsdefizite und verlangsamte Reaktionen bremsen uns in vielen Dingen aus.

Ich trete in die Pedale. Ulla geht neben mir, um das Schlimmste zu verhindern. Der Garagenhof scheint plötzlich kleiner zu sein, ich komme kaum um die Kurve. Außerdem überfordert mich die „Technik“: rechts die Hinterradbremse und die Gangschaltung, links die Motorunterstützung und die Vorderradbremse. Wir biegen auf einen Feldweg ein, uneben, teilweise mit Gras bewachsen, ich trete beherzt in die Pedale und habe plötzlich das Gefühl das Rad kippt um. Ulla ist da, beruhigt mich, alles o.k. Nein, ist es nicht, bzw. es fühlt sich nicht o.k. an.

Schieflage!

Auf einem Zweirad wird die Querneigung der Straße intuitiv durch Gewichtsverlagerung ausgeglichen. Auf dem Dreirad gibt es nichts zu verlagern, das Rad steht mit den beiden Hinterrädern fest auf der Straße und damit leicht schief. Es stört mich gewaltig, ich kann es aber nicht ändern. Einige Spaziergänger begegnen uns, ich versuche ihnen auszuweichen, würde mir gerne ein Schild FAHRSCHULE um den Hals hängen.

Auf dem geteerten Weg geht das Fahren deutlich besser. Gerate in einen gefühlten Geschwindigkeitsrausch, doch es sind gerade mal 8,5 km! Da kommt ein Traktor. Der Weg ist zu schmal für zwei. Ich schiebe mein Gefährt mühselig in die Wiese. Der Bauer fährt grußlos vorbei! Ich lächele ihn an und weiß, wir werden uns noch öfters sehen!

Die Kunst des Dreiradfahrens

Mit dem Dreiradfahren muss ich vieles neu lernen, auch das Wenden. Das Rad hat einen deutlich größeren Wenderadius als mein letztes Rad. Noch so ein Anfängerfehler: Halte ich an, nehme ich automatisch die Füße von den Pedalen und habe anschließend Schwierigkeiten, sie wieder zu platzieren. Dabei kann ich die Füße auf den Pedalen lassen, das Rad steht ja fest auf seinen drei Rädern. Das hat der Kopf noch nicht verinnerlicht. Manchmal gebe ich Gas und es tut sich nichts, bis ich merke, dass ich zeitgleich rechts bremse.

Foto: Christian A. Negele

Für einen ersten Versuch reicht es mir, wir fahren zurück und schieben das Rad in das viel zu kleine Gartenhäuschen. Dort bekommt mein Rad über Nacht einen „Mitfahrer“. Nachbars Katze wollte auf dem bequemen Sitz nächtigen. Zum Gück war das Polster abgedeckt, denn der Katze war wohl schlecht. Jedenfalls hat sie es mit ihrem Mageninhalt getauft.

Zweite Fahrstunde mit Ulla, die neben mir her joggt. Dieses Mal Straße und geteerter Feldweg. Kein Auto, Super. Beim Abbiegen auf den Feldweg leichte Steigung, geht so. Die Lenkung ist ungewohnt, habe erneut ein unsicheres Gefühl. Würde am liebsten absteigen und Ulla fahren lassen. „Das geht doch gut“, ruft Ulla. Sie hat keine Ahnung von meinen Empfindungen. Wir müssen eine stark frequentierte Straße überqueren. „Willst du schieben“? Ja, würde ich gern, kann mir diese Blöße allerdings nicht geben. Mehrmals sagt sie „Jetzt“, aber entweder zögere ich zu lange, stehe auf der Bremse oder gebe nicht genug Gas. Schließlich klappt es.

Dann kommt ein selten begangener Gehweg neben einer kleinen Straße. Aufgeplatzte Platten, alles uneben, eng, viele Steine und Äste auf dem Boden. Ich fahre todesmutig hinein, hänge mal schräg nach links oder rechts, bleibe stecken, muss die Füße zu Hilfe nehmen – die reinste Achterbahnfahrt. Habe das Gefühl, abwechselnd zur einen oder zur anderen Seite vom Sitz zu fallen. Ulla sieht zu, wie ich versuche, rumpelnd und schaukelnd durch den Parcour zu kommen. Vergnügen würde ich anders definieren. Die letzten 500 m auf ebener Straße sind die schönsten. Kommt ein Auto, halte ich einfach an, so habe ich auch diese Fahrstunde verletzungsfrei überstanden!

Dreirad ist völlig anders als Zweirad!

„Sieht gut aus“, meint mein Freund Dirk bei einer weiteren Fahrt, während ich auf dem leicht seitlich abfallenden Weg wieder nach rechts hänge und mühselig versuche, das Rad mehr in die Straßenmitte des Feldweges zu lenken. Ich beuge mich instinktiv mehr nach links, um das Gefühl los zu werden, gleich kippe ich. Ich muss den Lenker einfach nach links drehen und nicht versuchen, die Balance durch die Verlagerung des Gleichgewichts wieder zu finden! Warum fällt mir das so schwer?

Wir fahren um den Liedberg herum, leicht abschüssig, uneben, viele Engstellen. Die meisten Spaziergänger gehen direkt einen Schritt zur Seite, wenn sie mich kommen sehen. „Sieht sehr sportlich aus“, kommentiert eine ältere Dame. Ich meine aber auch Gelächter zu vernehmen und habe das Gefühl, alle sehen mich neugierig an. Es ist mir unangenehm! Tatsächlich interessieren sie sich aber gar nicht für mich, sondern für mein Rad. „Sieht cool aus“, meint ein junger Mann und fragt mich nach dem Preis.

Nach 120 gefahrenen Kilometern komme ich inzwischen ganz gut mit meinem Dreirad zurecht. Im dichten Straßenverkehr fahre ich nicht so gerne, das Dreirad ist halt nicht so flexibel zu handhaben wie ein Zweirad. Die Querneigung der Straßen ist immer noch gewöhnungsbedürftig. Die Koordination beim Anfahren – Gang einlegen, Füße in Anfahrtsposition bringen, Straße beobachten, Bremse loslassen, Gas geben, treten – erfolgt noch nicht so automatisiert. Kommt sicher noch.

Einmal habe ich den Akku leergefahren, ohne Motorunterstützung war die weitere Fahrt ein hartes Stück Arbeit. Problematisch ist auch, wenn ich beim Abbiegen zur Richtungsanzeige eine Hand vom Lenker nehmen muss und damit zeitweilig den Zugriff auf die Hinterradbremse oder die Vorderradbremse verliere. Eine Blinkeranlage wäre eine Lösung, ist jedoch nicht so ganz billig.

Mein Fazit: Dreirad zu fahren ist nicht so leicht, wie es aussieht. Jedenfalls nicht für ältere Menschen und für Menschen mit Parkinson ist es noch mal schwerer. Jüngere und Gesunde haben damit kaum Probleme. Es macht aber Spaß, etwas Neues zu lernen, das Dreirad vergrößert wieder meinen Bewegungsspielraum und ermöglicht mir gemeinsame Aktivitäten mit meiner Partnerin. Der Kauf war für mich die richtige Entscheidung, ich weiß aber auch, dass es noch ein bisschen dauern wird, bis ich völlig entspannt fahren werde.

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Egon Negele

Author: Egon Negele

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